Sie sind hier: Wissenswertes Spitzentanz

Der Spitzentanz ist im Ballett der Tanz auf den Zehenspitzen, der in speziellen "Spitzenschuhen" ausgeführt wird. In den Spitzenschuhen befinden sich besondere Kappen aus Silikon, Schaumstoff oder Watte.

In den Balletten des Rokokos im frühen 18. Jahrhundert trugen die Tänzerinnen einen höfischen Ballschuh mit Blockabsatz. Eine berühmte Tänzerin des französischen Hofes, Marie Camargo (1710-1770), entfernte wohl als erste diesen Absatz, um möglichst viele tanztechnische Schwierigkeiten des Männertanzes in ihren Tanz einfließen lassen zu können. Sie tanzte aber noch nicht auf Spitze.

Erste Aufzeichnungen über den Spitzentanz finden sich Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Zeit der Romantik. Die Welt der Literatur und des Theaters wurde gerade mit Geschichten von Hirten, Elfen. Waldgeistern. Nixen und Feen förmlich verzaubert. Das Gefühlvolle, Wunderbare und Märchenhafte schien den Künstlern das eigentlich Gestaltungswerte.
Der italienische Ballettmeister und Choreograph Carlo Blasis (1797-1878), dessen Theorien die Anfänge des klassisch-akademischen Tanzes bildeten. soll den Spitzenschuh erfunden haben. In seinem Balletttraining legte er sehr großen Wert auf die Erarbeitung der Spitzentanztechnik, bereits fünfzehn Jahre bevor sich der Spitzenschuh auf der Bühne vollends durchsetzte.
Bei der Uraufführung des romantischen Balletts „La Sylphide" im Jahre 1832 in Paris erlebte ein begeistertes Publikum das erste Mal vollendeten Spitzentanz mit der italienischen Ballerina Marie Taglioni (1804-1884).

Ihr Vater, Filippo Taglioni (1777-1871), setzte als Choreograph den Spitzentanz zum ersten Mal als lyrisches Ausdrucksmittel ein, wodurch dieser nun auch seine künstlerische Berechtigung bekam. Es ging nicht mehr nur um das Zelebrieren von Kunststückchen auf der Spitze. Wenn sich nun die Ballerina auf die Spitze erhob, verwandelte sie sich für den hingerissenen Zuschauer vollends in ein ätherisches Wesen, das sich scheinbar schwerelos durch Raum und Zeit zu bewegen vermochte. Mit der Taglioni wurde eine neue Tradition geboren: das romantische Ballett.

Seitdem regte der neugeborene Spitzentanz die Fantasie der Choreographen und Librettisten an. Sie schufen neue Techniken und Inhalte in ihren Balletten.

Der Spitzentanz verfeinerte sich und wurde mit zunehmender Verbesserung des Schuhs auch immer virtuoser. Die italienischen Schuhmacher sollen die ersten gewesen sein, die den nur leicht verstärkten Atlasschuh (ein feiner Stoffschuh) auch im Zehenbereich versteiften, damit sich die Tänzerinnen länger auf der Spitze halten, ungewöhnlichere Pirouetten und Schrittkombinationen vollführen konnten.

Die Ballerinen, die die Spitzentanztechnik wirklich beherrschen und vor allem zu beseelen lernten, feierten weltweit große Erfolge. Das waren neben der ätherisch-sinnlichen Taglioni die lyrisch-dramatische Carlotta Grisi (1819-1899), die lebhaft-bezaubernde Fanny Cerrito (1817-1909) und die kraftvoll-romantische Lucile Grahn (1819-1907).

Auch wenn die Blüte des romantischen Ballettschaffens nicht lange währte, werden berühmte Werke dieser Zeit und ihre Inhalte bis heute lebendig gehalten, wie z. B. „La Sylphide", „Pas de quatre" - dieses Stück wurde eigens für die vier zuvor genannten Ballerinen kreiert -oder „Giselle", das Traumballett jeder Ballerina. Der ganz besondere Reiz dieser Ballette, die träumerische Schönheit und Eleganz, faszinieren die Zuschauer wahrscheinlich noch lange.

Der Spitzentanz entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts weiter. Es war eine Zeit des großen klassischen Ballettschaffens. Der französische Ballettmeister und Choreograph Marius Petipa (1818-1910) schuf Meisterwerke, die bis heute zum Repertoire vieler großer klassischer Ensembles gehören: „Don Quixote", „Die Bajadere" und „Dornröschen". Zusammen mit Lew Iwanov (1834-1901) kreierte er den berühmten „Schwanensee". Petipa schuf mit diesen Balletten einen strahlend virtuosen Stil, der den Tänzerinnen perfekten Spitzentanz abverlangte. Bis heute, über Generationen hinweg, wird das Können einer Ballerina auch an der Technik und Darstellung der Rollen in diesen Balletten gemessen.

Eine weitere herausragende Ballerina soll hier noch genannt sein, die legendäre Anna Pawlowa (1881-1931). Sie war es, die vor allem mit dem Solotanz „Der sterbende Schwan" von Michail Fokin (1880-1942) in die Ballettgeschichte einging.